Mühle Grüsch im Prättigau, Kanton Graubünden
Neuer Turm aus altem Silo
Zwischen Bahnlinie und Bach, im Graubündner Dorf Grüsch, erhebt sich ein schlanker Turm über den Häuschen. Sein dunkles Kleid aus Solarpaneelen reflektiert das wechselnde Licht des Tals. Jahrhundertelang wurde hier, direkt am Bahnhof, Getreide verarbeitet. Das Büro Ritter Schumacher wandelte die ehemalige Mühle in einen Wohnbau um. Besonders ist dabei der konsequent zirkuläre Ansatz: Der neue Turm besteht zu großen Teilen aus dem Material seines Vorgängerbaus.
Galerie
Vom Industrieareal zum Wohnstandort
Die Geschichte der Mühle reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Ab 1889 versorgte sie den Ort mit Strom. 1939 entstand das zuletzt genutzte Hauptgebäude mit einem Siloturm, der seitdem das Ortsbild von Grüsch bestimmte. Mit der Stilllegung des Betriebs im Jahr 2010 verlor die Anlage ihre Funktion. Das zentral gelegene Gelände blieb zunächst ungenutzt, wurde zeitweise kulturell bespielt und lag schließlich brach.
Entwicklungskonzepte mit Eigentumswohnungen wurden als wirtschaftlich nicht tragfähig eingeschätzt und verworfen. Ein Mietwohnungsmodell in Kombination mit Bestandserhalt und Ersatzneubau erschien erfolgversprechender. Heute wächst der Wohnraumbedarf im Ort durch die Ansiedlung von Hightech-Unternehmen. Zugleich stärkt der Mühlenumbau das Bahnhofsareal als Dorfmittelpunkt.
Galerie
Weiterbauen im Bestand
Die Bauaufgabe umfasste die Sanierung und Umnutzung des viergeschossigen Hauptgebäudes sowie den Ersatz des baufälligen Siloturms durch einen Neubau. Form und Volumen des neuen Turms greifen bewusst die historische Silhouette auf. 37 Wohnungen befinden sich hier, 15 weitere im umgebauten Hauptgebäude. Während im Turm kompakte Einheiten dominieren, erlaubt die erhaltene Skelettstruktur im Altbau flexible Grundrisse. Loggien und Balkone öffnen die Wohnungen zum Dorf und zum Bergpanorama. Im Inneren ist die industrielle Vergangenheit ablesbar: Unbearbeitete Oberflächen aus Sichtbeton und Backstein sowie Graffiti aus einer früheren Zwischennutzung prägen die Räume.
Das Mühlengebäude blieb als Skelettbau aus Beton und Backstein weitgehend bestehen und wurde punktuell ergänzt, unter anderem durch eine Holzkonstruktion an der Südostfassade. Der Turm entstand hingegen neu als Massivbau aus Recyclingbeton. Seine äußere Erscheinung prägen die schwarzen, im stehenden Format montierten Photovoltaikmodule. Neue Baustoffe wurden möglichst sparsam eingesetzt. Die Steinwolledämmung stammt aus der Region.
Galerie
Beton: sich selbst recyceln
Im Zentrum des Projekts steht der Umgang mit dem vorhandenen Baustoff. Der historische Siloturm konnte aufgrund seiner schmalen Wände und kleinteiligen Kammern nicht umgenutzt werden und wurde deshalb sortenrein zurückgebaut. Das aufbereitete Abbruchmaterial ließ sich als Zuschlagstoff für den Beton des Neubaus verwenden. 75 bis 95 Prozent der Gesteinskörnung macht das Recyclinggranulat aus. Insgesamt besteht der Turm stofflich zu rund 60 Prozent aus seinem Vorgänger. Außerdem wurde Recyclingzement verwendet.
Der Recyclingbeton kam dabei sowohl bei den Bodenplatten als auch bei tragenden Stützen und Wänden zum Einsatz. Die Eigenschaften entsprechen den Sorten NPK A und NPK B, gemäß dem Normpositionenkatalog (NPK) für das Ausschreiben von Betonen im Schweizer Hochbau. Mit einer Druckfestigkeitsklasse von C 20/25 bzw. C25/30 können beide als Recyclingbeton eingesetzt werden, wobei sich NPK A für Innenwände eignet und NPK B für regengeschützte Außenwände.
Galerie
Bei der Mühle Grüsch führte der hohe Recyclinganteil allerdings dazu, dass der Beton bei warmen Temperaturen schneller ansteifte. Folglich wurden frisch betonierte Bauteile unmittelbar nach dem Einbau mit einem flüssigen Verdunstungsschutz behandelt und zusätzlich mit PE-Folien abgedeckt, um eine kontrollierte Aushärtung sicherzustellen.
Wohnen im Energieproduzenten
Auch energetisch knüpft die Anlage an ihre frühere Rolle als Produktionsstandort an. Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe, kontrollierte Wohnungslüftung mit Wärmerückgewinnung und Fußbodenheizung gehören zum Energiekonzept. Die Photovoltaikmodule von Fassade und Dach – insgesamt 572 Quadratmeter – erzeugen jährlich rund 60 Prozent des benötigten Stroms. Der Turm erfüllt damit den Schweizer Minergie-P-Standard.
Galerie
Hinzu kommen DGNB-Zertifikate in Platin für den Rückbau sowie Gold für Neubau und Sanierung. Planung, Materialentwicklung und Ausführung erfolgten im Allianzmodell mit frühzeitiger Abstimmung zwischen Architekturbüro, Tragwerksplanung, Kieswerk und Bauunternehmen. Ein Gebäuderessourcenpass dokumentiert alle verbauten Baustoffe und schafft die Grundlage für spätere Umnutzungen oder einen sortenreinen Rückbau.
Die Mühle Grüsch steht exemplarisch für eine Bauweise, bei der lokal vorhandene Sekundärbaustoffe berücksichtigt werden. Zugleich zeigen die Planer*innen, dass sich Betonkonstruktionen mit hohem Recyclinganteil auch im Wohnungsbau umsetzen lassen.
Bautafel
Architektur: Ritter Schumacher, Chur
Projektbeteiligte: Ritter Schumacher, Chur (Tragwerksplanung, Fassadenplanung, Landschaftsarchitektur); Züst Haustechnik , Grüsch (Heizungs- und Lüftungsplanung/Bauphysik/Sanitär); Maissen Elektroplanungen, Pontresina (Elektro); brandsicher ag / Brandschutz, Chur (Brandschutz); Mettler Prader, Chur (Demontage); Zindel & Co., Maienfeld (Rückbau); LC Holzbau, Pragg-Jenaz (Zimmermannsarbeiten); Gribag, Chur (Betonlieferant); Elberi Holzbauplanung, Pragg-Jenaz (Holzbau)
Bauherr*in: Gutgrün, Chur.
Fertigstellung: 2025
Standort: Mühleweg 9, 7214 Grüsch, Kanton Graubünden, Schweiz
Bildnachweis: Daniel Ammann (Fotos), Ritter Schumacher (Visualisierungen und Pläne), Grüninger Mühlen (historisches Foto)
Fachwissen zum Thema
Bauwerke zum Thema
Deutsche Zement- und Betonindustrie vertreten durch das
InformationsZentrum Beton | Kontakt 0211 / 28048–1 | www.beton.org
